Sonderpreisträger

Die Sonderpreisträger 2010

Im Rahmen des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma vergibt die Manfred Lautenschläger Stiftung zusammen mit den Jurymitgliedern in diesem Jahr erstmalig zwei Sonderpreise. Mit diesen Auszeichnungen, die jeweils mit einer Summe von 5000 Euro dotiert sind, werden Angehörige der Minderheit für ihr Engagement und ihren Mut bei den Bemühungen für eine gesellschaftliche Gleichstellung von Sinti und Roma geehrt.

Ágnes Daróczi

Ágnes Daróczi vor dem zerstörten Haus einer Roma-Familie in Ungarn

Frau Ágnes Daróczi ist seit Jahren eine engagierte Menschenrechtlerin für die ungarische Roma-Minderheit, der sie auch selbst angehört. 2010 war sie die treibende Kraft für ein Projekt, das der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma im Sommer für Roma-Familien in Ungarn organisierte, die Opfer von rassistischen Mord- und Brandanschlägen wurden. Gemeinsam mit Freiwilligen des Internationalen Bauordens wurden an drei Projekt-Orten fünf durch Brandsätze und Vandalismus zerstörte Häuser wieder instand gesetzt.

 

Durch ihren jahrzehntelangen unermüdlichen Einsatz als Wissenschaftlerin und Journalistin hat Frau Daróczi den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma in das öffentliche Bewusstsein gerückt. So organisierte sie anlässlich des 50. Jahrestages des nationalsozialistischen Völkermordes an Sinti und Roma den ersten ,,Roma-Tag“ im ungarischen Fernsehen. Das, gemeinsam mit ihrem Mann János Bársony, verfasste Buch „Pharrajimos : Das Schicksal der Roma im Holocaust“, das 2004 erschien und 2008 ins Englische übersetzt wurde, gehört zu den grundlegenden Arbeiten über den Völkermord an Sinti und Roma und dokumentiert erstmals die Verfolgungen in Ungarn. Dass heute der internationale Gedenktag für die Opfer der Sinti und Roma in Budapest und mit Beteiligung der ungarischen Regierung begangen wird, geht ebenso auf das Engagement von Àgnes Daróczi zurück, wie die Errichtung des nationalen Mahnmals für die Opfer des Völkermords im Budapester Nehru-Park.

 

Frau Daróczi setzt sich mit Ausdauer und mit bemerkenswerter Diplomatie mit allen Formen von Rassismus und Antiziganismus in Ungarn auseinander. Bereits 1990 gründete sie die erste unabhängige Roma-Organisation Phralipe. Von 1992 bis 1998 war Sie die Chefredakteurin der ersten Roma-Sendung im ungarischen Fernsehen, dem ,,Patrin Magazin“. Die erste Roma-Kunstausstellung in Ungarn entstand unter ihrer Leitung im Jahre 1970. „Kultur wurde ein künstlerisches Werkzeug in einem politischen Kampf“, sagte sie 2008 anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zeitgenössischer Roma-Kunst in der Nationalgalerie.

 

Ágnes Daróczi couragierte Arbeit konfrontiert nicht nur die Regierung und die Öffentlichkeit in Ungarn mit dem Fortbestehen von Vorurteilen und Diskriminierungen gegenüber der dort lebenden Roma-Minderheit, sie ist auch beispielhaft für Deutschland und für die nationalen Minderheiten der Sinti und Roma in Europa.

„Der Fall Ostrava“

Roma-Jugendliche und ihre Familien mit Kumar Vishwanathan von Life Together und Mitarbeitern des Dokumentationszentrums in Ostrava im Oktober 2010

Im Jahr 2000 richteten sich 18 Roma-Jugendliche aus dem tschechischen Ostrava, vertreten durch den European Roma Rights Center (ERRC) und einem tschechischen Anwalt, mit einer Klage wegen rassistischer Diskriminierung im Bildungssystem der Tschechischen Republik an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Roma- Minderheit sowie durchgeführten Tests sollten die Schüler pauschal in Sonderschulen für Kinder mit Lernschwierigkeiten untergebracht werden.

 

Am 14. November 2007 erhielten die Kläger Recht: Die Isolierung der Roma-Schüler in Förderschulen stelle eine „indirekte Diskriminierung dar und sei somit ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot und ein unzulässiger Eingriff in die Sicherung auf Erziehungsrecht. Dieses Gerichtsurteil wurde zum Präzedenzfall. Zum ersten Mal erkannte das Europäische Gericht für Menschenrechte eine Verletzung des Artikels 14 der Europäischen Menschenrechtskonvention im Bereich des öffentlichen Lebens an. Die Entscheidung zugunsten der Jugendlichen verpflichtet die Tschechische Republik sowie alle anderen Mitgliedsstaaten des Europarates, einheitliche Rechtsvorschriften über das Verbot der Diskriminierung von Angehörigen der Minderheit im Bildungssystem zu erlassen.

 

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und der Kampf der Roma-Jugendlichen um ihr Recht auf Gleichbehandlung sind politisch nicht ungehört geblieben. Zwar gehören laut ERRC diskriminierende Selektionen im Bereich der Schulbildung immer noch in vielen Ländern Europas zur bedauernswerten Praxis, die Tschechische Republik jedoch reagierte. In 2009 gab sie zusammen mit verschiedenen Organisationen zwei Berichte zur Ausbildungs- und Bildungssituation von Roma sowie zur Gleichstellung und Integration von Angehörigen der Minderheit in den Schulalltag in Auftrag. Der erste Bericht bestätigte einen überproportionalen Anteil bei der Unterbringung von Roma-Kindern in Sonder- und Förderschulen, der zweite untersuchte die Defizite in den Integrationsbemühungen der Minderheit in staatlichen Schulen. Als Folge daraus entwickelte die Regierung einen „National Action Plan on Inclusive Education“ (NAPIV), der eine Gleichbehandlung von Angehörigen der Roma-Minderheit garantieren soll. Dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen und Defizite zu beseitigen, bleibt jedoch weiterhin Aufgabe der Regierung.

 

Denisa Mikova, eine der Roma-Jugendlichen aus Ostrava, wurde der Besuch einer weiterführenden Schule seitens der Schulbehörde mit der Begründung verweigert, sie müsse ihren Mutterpflichten nachkommen. Seit dem setzt sie sich dafür ein, ihre weiterführende Schulausbildung abschließen zu können, um später einmal zu studieren. Ohne eine gute Schulbildung wird sie ihr Ziel jedoch nicht erreichen. „Ich möchte nach meinem Studium einen angesehenen Beruf erlernen, der es mir ermöglicht, mich selbst und meine Fähigkeiten zu verwirklichen, auch, damit mein Kind einmal bessere Zukunftschancen hat und nicht mehr wie ich für sein Recht auf Gleichbehandlung kämpfen muss.“