Zur Intention des Preises

 

Der von der Manfred Lautenschläger Stiftung gestiftete Europäische Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma wurde anlässlich des 10-jährigen Gründungsjubiläums des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma im November 2007 ins Leben gerufen und wurde im Dezember 2008 erstmalig verliehen. Vor dem Hintergrund der äußerst besorgniserregenden Menschenrechtssituation der Sinti und Roma in vielen europäischen Staaten – vor allem in Ost- und Südosteuropa – soll dieser Preis ein Beitrag zur Wahrung und Durchsetzung der Bürgerrechte sowie der Chancengleichheit für die Angehörigen der Sinti- und Roma-Minderheiten in ihren jeweiligen Heimatländern sein. Zugleich versteht sich der Preis als ein Signal an die politisch Verantwortlichen, an Medien und gesellschaftliche Gruppen in Europa, gegen tief verwurzelte Klischees und Vorurteilsstrukturen vorzugehen, um die alltägliche Ausgrenzung der Minderheit schrittweise zu überwinden. Wir wollen mit dem Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma mithin gesellschaftliches Engagement stärken und Politik und Bürger dazu auffordern, aktiv für die tatsächliche Gleichbehandlung von Sinti und Roma, ihre selbstverständliche Einbeziehung in alle Bereiche des öffentlichen Lebens, einzutreten.

 

Nicht zuletzt soll der Preis die politischen und gesellschaftlichen Anstrengungen unterstützen, von Diskriminierung Betroffene nachhaltig zu schützen, um ihnen langfristig ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Mit dem Preis werden Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen vorrangig aus der Mehrheitsbevölkerung ausgezeichnet, die sich der Verantwortung aus der Geschichte stellen und sich in vorbildlicher Weise für eine Verbesserung der Menschenrechtssituation der Sinti und Roma eingesetzt haben.

 

 Mit der Vergabe des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma wollen wir auch an den Hungerstreik von zwölf Sinti in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau an Ostern 1980 erinnern. Dabei ging es um die Anerkennung des Völkermordes an den im besetzten Europa von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma. Außerdem wandten sich die Streikenden gegen die Methoden der rassistischen Sondererfassung von Sinti und Roma bei Justiz- und Polizeibehörden auf der Grundlage der alten Aktenbestände aus der Nazizeit und teilweise mit dem damaligen SS-Personal. Dieses Ereignis, das auch in der internationalen Öffentlichkeit großes Aufsehen erregte, markiert den Beginn der Bürgerrechtsarbeit der Sinti und Roma in Deutschland und Europa und hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Minderheitenangehörigen der Nachkriegsgeneration heute selbstbewusst für ihre Rechte als deutsche Staatsbürger einsetzen.

 

Sinti und Roma, die heute mit insgesamt zehn bis zwölf Millionen Angehörigen die größte Minderheit in Europa bilden, teilen mit den Juden die furchtbare Geschichte der Entrechtung, Verfolgung und systematischen Vernichtung im nationalsozialistisch besetzten Europa. Eine halbe Million unserer Menschen wurden Opfer des Holocaust, eine Erfahrung, die sich tief in das kollektive Gedächtnis unserer Minderheit eingebrannt hat. Die europäische Staatengemeinschaft reagiert nach dem Holocaust an den Juden zu Recht sehr sensibel auf alle Formen des Antisemitismus und schreitet frühzeitig dagegen ein. Mit der Vergabe des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma verbinden wir die Hoffnung, dass die europäische Gesellschaft endlich mit derselben Entschlossenheit die rassistisch motivierte Gewalt und die neonazistische Hetze gegenüber Sinti und Roma sowie ihre Diffamierung in der Öffentlichkeit – insbesondere in den Medien – bekämpft.

 

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Staaten Ost- und Südosteuropas haben sich die Lebensbedingungen der Minderheit aufgrund der ökonomischen Verwerfungen und eines aufkeimenden Rassismus drastisch verschlechtert. Eine ähnliche Situation finden wir aber auch in zahlreichen Staaten Westeuropas. Nach Untersuchungen der Europäischen Grundrechteagentur aus dem Jahr 2008 sind Sinti und Roma wie keine andere Gruppe immer wieder Opfer von massiver Diskriminierung im Bildungssystem und auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, was vielerorts zu einer regelrechten Gettoisierung unserer Menschen geführt hat. Damit sind die Angehörigen der Minderheit, wie die New York Times in einem Kommentar vom März 2006 zu Recht festgestellt hatte, heute in einem Ausmaß Opfer von Ausgrenzung und Rassismus, die der Situation der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten bis in die 1950er Jahre gleichkommt.

 

Der Europäische Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma steht für die besondere historische Verantwortung gegenüber unserer Minderheit und er symbolisiert zugleich die Hoffnung, Rassismus und Ausgrenzung zu überwinden und die Vision eines Europäischen Hauses, dessen Fundament die Menschen- und Bürgerrechte sind, Wirklichkeit werden zu lassen. Der erste Preisträger, Prof. Władysław Bartoszewski, verkörperte diesen Anspruch aufgrund seines unermüdlichen Eintretens für die Anerkennung des Holocaust an den Sinti und Roma und den Schutz der Minderheit im Europa der Gegenwart in hervorragender Weise.

 

Mit Simone Veil, der Preisträgerin des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma 2010, erhält diese Auszeichnung eine herausragende und engagierte Persönlichkeit, die sich in beispielhafter Weise für die Gleichstellung der Minderheit der Sinti und Roma in Europa und die Anerkennung der Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes unter den Sinti und Roma bis zum heutigen Tage einsetzt. Als amtierende Präsidentin des Europäischen Parlamentes demonstrierte Simone Veil im Jahre 1979 ihre tiefe Verbundenheit und Solidarität mit der Minderheit der Sinti und Roma, als sie noch vor ihrem offiziellen Antrittsbesuch in Deutschland bei der Gedenkkundgebung der Sinti und Roma in der Gedenkstätte Bergen-Belsen eine Rede hielt. Sie hob darin explizit die Gleichartigkeit des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma mit dem Völkermord an den Juden hervor und trug mit ihrer offiziellen Positionierung sowie ihrem politischen Einfluss auch zum Erfolg der Bürgerrechtsarbeit bei.

 

Mein besonders herzlicher Dank gilt der Manfred Lautenschläger Stiftung als Stifter des mit 15.000 EURO dotierten Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma. Dr. Manfred Lautenschläger ist seit dem Jahr 2002 Mitglied im Kuratorium des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma und hat sich seither in beispielhafter Weise für die Belange unseres Zentrums und die politischen Ziele unserer Minderheit eingesetzt. Ohne sein sehr persönliches Engagement wäre die Vergabe dieses Preises nicht möglich.

 

Darüber hinaus gilt mein Dank allen Mitgliedern unserer internationalen Jury, die sich trotz ihrer vielfachen beruflichen Verpflichtungen sehr aktiv in die Arbeit unserer Preisjury einbringen und deren langjährige Erfahrungen in Menschenrechtsfragen eine wichtige Bereicherung für uns darstellen.

 

Romani Rose