Die Preisträgerin des Jahres 2010:

Simone Veil

Simone Veil und Romani Rose bei der Gedenkfeier der Sinti und Roma im KZ Bergen-Belsen, Oktober 1979 c Dokumentations- und Kulturzentrum

Die französische Publizistin, ehemalige französische Ministerin und ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlamentes, Simone Veil, gehört bis heute zu den herausragenden Persönlichkeiten des politischen Lebens in Europa. Als eine der großen Europäerinnen verkörpert sie wie keine andere das Streben nach Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Freiheit, nicht zuletzt durch ihr öffentliches Engagement und mutiges Eintreten für Menschenrechte und Völkerverständigung. Simone Veil wurde in Nizza als Tochter von Yvonne Jakob, geborene Steinmetz und dem Architekten André Jakob geboren. Die Familie war jüdisch, jedoch wurde Simone zusammen mit ihren Geschwistern Madeleine, genannt Milou, Denise und Jean in einer laizistischen und bürgerlich-republikanischen Tradition erzogen.

 

Im September 1943, noch vor Ankunft der deutschen Truppen, fiel die Gestapo gewaltsam in Nizza ein, richtete im Hotel „Excelsior“ ihr Hauptquartier ein und begann mit ihrer Hetzjagd auf die jüdische Bevölkerung. Mit gefälschten Papieren gelang es Simone Veil unterzutauchen und im März 1944 ihre Abiturprüfung abzulegen. Kurz darauf wurde sie zusammen mit ihrer Familie von der Gestapo verhaftet. André Jakob wurde zusammen mit seinem Sohn Jean nach Litauen deportiert. Beide kehrten nicht wieder zurück. Denise Jakob ging zur Resistance und wurde ins KZ Ravensbrück und später nach Mauthausen verschleppt. Sie überlebte die Gefangenschaft und kehrte nach dem Krieg wieder nach Frankreich zurück. Simone, ihre Mutter Yvonne Jakob und ihre Schwester Madeleine wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Selektion bei ihrer Ankunft überlebte die damals sechzehnjährige Simone Jakob nur, da sie vortäuschte älter zu sein. Nach acht Monaten KZ-Haft überlebte sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester den Todesmarsch nach Bergen-Belsen im Januar 1945. Einen Monat vor der Befreiung des KZ Bergen-Belsen durch englische Alliierte verstarb ihre Mutter an Typhus. Simone und Madeleine kehrten alleine nach Frankreich zurück.

 

Nach Kriegsende studierte Simone Veil Rechtswissenschaften in Paris. Ihren Berufsweg begann sie im französischen Justizministerium. Von 1974 bis 1979 wurde die Juristin Veil unter Jacques Chirac in das Amt der Gesundheitsministerin berufen. Als erste Frau auf einem Ministerposten in Frankreich bekam sie den liebevollen Beinamen „Madame le Ministre“. Und auch europaweit setzte sie Zeichen: 1979 wurde Simone Veil Präsidentin des Europäischen Parlaments. Sie war die erste Frau in dieser Funktion seit der Gründung des Parlaments im Jahre 1952. Dieses Amt hatte Veil bis 1982 inne. Neben Helmut Kohl und François Mitterand avancierte sie zu einer der Galionsfiguren der europäischen Gemeinschaft. Von 1993 bis 1995 war sie unter Edouard Balladur als Staatsministerin für die Ressorts Soziales, Gesundheit und Stadtwesen zuständig. Drei Jahre später erfolgte ihre Berufung als Mitglied des Verfassungsrates an das französische Verfassungsgericht.

 

Simone Veils Engagement für die Wahrung der Menschenrechte in der europäischen Gemeinschaft gehen nicht zuletzt auf ihrer eigenen Erfahrung mit dem Nazi-Terror zurück, Erfahrungen, die ihr Leben nachhaltig prägten. „Der Holocaust ist unser aller Erbe“, sagte sie in einer Rede vor dem Europarat in Straßburg. Aus dieser historischen Verantwortung heraus erwachse für sie wie für jede Europäerin und für jeden Europäer eine gemeinsame Pflicht: „der Kampf zum Schutze der Würde und der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person“. Auch im Deutschen Bundestag mahnte sie 2004, die Vergangenheit nicht zu vergessen, da ein Lernen aus den tödlichen Fehlern der Geschichte Grundvoraussetzung für die Gestaltung eines Europas der Bürgerfreiheiten ist, einem Europa, das für Frieden und die Achtung der Menschenwürde eintritt. Im Zentrum dieser Erinnerungsarbeit steht dabei für Simone Veil ein würdiges Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Viel früher als andere Politiker plädierte sie deshalb für eine gleichwertige Anerkennung aller Verfolgungsopfer dieser Zeit. „Unsere Schicksale sind miteinander durch dieselbe Pflicht zum Gedenken verknüpft“, wie sie in ihrer 2007 erschienenen Biographie „Une vie“ betont.

 

Bereits 1979, noch vor ihrem offiziellen Antrittsbesuch in Deutschland, nahm Simone Veil in ihrer Funktion als Präsidentin des Europäischen Parlaments an der Gedenkkundgebung der Sinti und Roma im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen teil und setzte damit ein europaweites Zeichen. In ihrer Rede betonte sie ihre uneingeschränkte Solidarität gegenüber den Sinti und Roma und ihre „besondere Treue gegenüber allen Opfern der Nazi-Gräuel“. Den Kampf der Sinti und Roma um ihre Anerkennung als Opfer der rassenideologischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten bezeichnete Veil als fundamentalen „Kampf für die Menschenrechte“. Mit dieser ersten europäischen Gedenkkundgebung und Simone Veils eindrucksvollen Rede wurde das öffentliche Bewusstsein für das Verfolgungsschicksal und das Leiden der Minderheit in der Zeit des Nationalsozialismus geschaffen. Der von Frau Veil ausgehende politische Impuls legte nicht nur einen wichtigen Grundstein für die Bürgerrechtsarbeit der Sinti und Roma sondern auch für die spätere Anerkennung des Völkermordes an den 500 000 Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzen Europa durch die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Ihr Plädoyer für die Gleichbehandlung des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma mit dem Völkermord an den Juden zieht sich als ein roter Faden bis heute durch Simone Veils politisches und gesellschaftliches Engagement. „Sinti und Roma haben dasselbe Schicksal erlitten, wie die Juden“, schreibt sie in ihrer Biographie. Daher sei es abwegig, so Veil in ihrer Rede vor dem Europarat im Jahr 2002, „dass ihr tragisches Schicksal noch heute so weitgehend unbekannt bleibt. Wie die Juden wurden auch sie allein wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe verfolgt“. Auch die Sinti und Roma beweinen ihre Toten, die in den Konzentrationslagern ermordet und in den Krematorien verbrannt wurden, an Orten wie Bergen-Belsen, an denen, so Veil, „die Asche aller unserer Eltern vereint ist“.

 

Der Zentralrat, das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma und die Manfred Lautenschläger Stiftung möchten in Namen der in Deutschland und Europa lebenden Sinti und Roma mit der Vergabe des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma 2010 an Frau Simone Veil ihre besondere Wertschätzung für eine Frau zum Ausdruck bringen, die sich mit ihrem politischen und moralischen Gewicht, ihrem vorbildlichen gesellschaftlichen Einsatz um die Anerkennung des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma in beispielhafter Weise verdient gemacht hat. Stets hat sie die historische Dimension des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma betont und ist bis heute bestrebt, den Opfern der Sinti und Roma ebenso wie den jüdischen Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das Bewusstsein um die Verantwortung, die aus der Erfahrung mit dem Holocaust erwächst, ist ein zentraler Bestandteil der europäischen Identität. Die diesjährige Trägerin des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma, Frau Simone Veil, verkörpert diese Haltung in außerordentlicher Weise.