Sonderpreisträger
George Lacatus c RJA

Der Sonderpreisträger 2012

Im Rahmen des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma vergibt die Manfred Lautenschläger Stiftung zusammen mit den Jurymitgliedern einen Sonderpreis. Mit dieser Auszeichnung, die mit einer Summe von 5000 Euro dotiert ist, werden Angehörige der Minderheit für ihr Engagement und ihren Mut bei den Bemühungen für eine gesellschaftliche Gleichstellung von Sinti und Roma geehrt.

 

George Lacatus – Journalist und Präsident der Roma-Journalisten Assoziation

George Lacatus studierte Pädagogik, Journalismus und Englisch an der Universität Bukarest. Nach langjährigen Erfahrungen bei großen rumänischen Tageszeitungen, einem Rundfunksender und als Investigativreporter bei Romania liberia, einer der auflagenstärksten Tageszeitungen Rumäniens, arbeitet er heute für Evenimentul Zilei, einer überregionalen Zeitung mit Sitz in Bukarest. 2007 erhielt er den Print Media Award des Rumänischen Presse Clubs für einen Artikel über illegale Aktivitäten der Nationallotterie.


2009 gründete Lacatus gemeinsam mit vier anderen Roma-Journalisten die Roma Journalists Association, deren Präsident er seitdem ist. Ziel der RJA ist es, Stereotypen und Ressentiments gegenüber Roma in den rumänischen Medien zu beseitigen und die Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung von Journalisten in Roma-Fragen zu fördern. Die Arbeit der RJA besteht aus drei Schwerpunkten: Sie zeigt erstens rassistische Medienberichterstattung beim rumänischen Nationalrat zur Bekämpfung von Diskriminierung und dem Nationalen Rundfunkrat an, organisiert zweitens Journalismus-Kurse für Roma-Oberstufenschüler und ist drittens Kooperationspartner von Roma-NGOs bei Pressekonferenzen und Schulungsprogrammen für Journalisten.



Situation der Roma in Rumänien

Nach offiziellen Angaben sind ca. 500.000 der rumänischen Staatsbürger Angehörige der Roma-Minderheit, die tatsächliche Zahl dürfte aber bei etwa zwei Millionen liegen. Rumänische Roma sind in vielen Lebenssituationen mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert. Eine Untersuchung der Haltung der rumänischen Mehrheitsgesellschaft zur Roma-Minderheit ergab "eine tiefe Gespaltenheit der Gesellschaft und eine bewusste Abgrenzung der Einkommensstarken, Westorientierten und Gebildeten von anderen [sozialen] Schichten", darunter in besonders hohem Maße von Roma. Aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen leben viele rumänische Roma sozial, materiell und politisch marginalisiert.


Rechtsgerichtete Organisationen und Parteien hetzen öffentlich gegen Roma. Bei der Wahl zum Europäischen Parlament 2009 schnitt die holocaustleugnende Partei Partidul Romania Mare (Großrumänienpartei, PRM) überraschend gut ab und errang drei Mandate. Der PRM-Vorsitzende Corneliu Vadim Tudor, MdEP, machte durch Äußerungen wie „Zigeunerbanden kurzerhand liquidieren“ auf sich aufmerksam. Dass Tudor den rumänischen Verdienstordnen trägt, illustriert deutlich, wie salonfähig der Rassismus gegenüber Roma in Rumänien ist. Eines der erklärten Ziele der national-orthodoxen Bewegung Noua Dreapta (Neue Rechte, ND), die Kontakte zur NPD pflegt, lautet: „Verbot der Benennung „Roma“ für Zigeuner“. Zudem glorifiziert die ND den von 1940 bis 1944 amtierenden Militärdiktator Ion Antonescu, unter dessen Regime rund 25.000 Roma systematisch getötet wurden.


Weil offizielle Stellen und die Mehrheitsbevölkerung den latenten Rassismus vielfach teilen, werden Roma in vielen Bereichen sozial und räumlich segregiert. Roma wohnen häufiger als andere Rumänen in Siedlungen ohne fließendes Wasser und Strom. Aufgrund von Stigmatisierung und Vorurteilen ist Roma der zum Arbeitsmarkt erschwert, ebenso wie zu Schulen und Universitäten. Deshalb ist ein erheblicher Anteil der rumänischen Roma Analphabeten. Von staatlicher Seite wurde dieses Problem lange ignoriert. Zwar stellte der Gesetzgeber die explizite Diskriminierung von Roma bei Stellen- oder Mietanzeigen und die Verweigerung des Zutritts zu Gaststätten etc., inzwischen unter Strafe, von weiten Teilen der rumänischen Bevölkerung werden Roma jedoch nach wie vor ausgegrenzt. Noch heute segregieren viele Grundschulen aufgrund von örtlichem Druck der rumänischen Mehrheitsbevölkerung Roma-Kinder in eigenen Klassen.

 

Roma, die nicht in Häusern und Wohnungen mit eindeutigen Besitz- oder Mietverhältnissen leben, werden häufig rechtswidrig vertrieben, weil ihre Siedlungsgelände und Unterkünfte als "vorübergehend" und inoffiziell eingestuft werden, selbst wenn sie schon sehr lange dort leben. Betroffen ist vor allem die große Mehrheit der armen Roma, die meist keine Dokumente über ihre Wohnverhältnisse besitzen.


Neben Nicolae Păun, dem Vorsitzenden der Partida Romilor (Partei der Roma), sitzt mit dem Sozialdemokrat Mădălin Voicu nur ein weiterer Rom im rumänischen Abgeordnetenhaus. Ein gewichtiger Teil der rumänischen Roma lebt in sicheren ökonomischen Verhältnissen, ist beruflich erfolgreich und sozial integriert. Konkrete Zahlen sind allerdings nur schwer zu erheben, da sich viele rumänischen Roma aufgrund der andauernden Diskriminierung nicht als solche zu erkennen geben können und wollen.
Rund 300 Roma-Verbände engagieren sich in Rumänien für die Rechte der Roma und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, jedoch existiert bislang keine anerkannte Dachorganisation.